Eine Pilgerreise im Mittelalter

Der Aufbruch

Der Pilger war dann ein Pilger, wenn er den Entschluss zu dieser Reise gefasst hatte - kurz- oder langfristig. Für jenen, der Haus und Habe hinterließ, war natürlich mehr zu ordnen und zu regeln, als für den Bettelarmen. So war es Pflicht, vor einer Pilgerfahrt bei der Familie und dem Pfarrer um Erlaubnis dafür zu bitten, sodann ein Testament zu schreiben, die gesamten Verantwortlichkeiten zu übertragen und sich mit allen zu versöhnen, mit denen Zwietracht geherrscht hatte. Der Bruch mit dem bisherigen Leben sollte so konsequent wie möglich vollzogen werden: "...die Pilger waren nämlich, wenn auch nur zeitweilig der diesseitigen Welt gestorben und übernahmen damit einen besonderen religiösen Status, mindestens für die Dauer der Reise." (v. Saucken, 1996, S.106) Tatsächlich war die Welt außerhalb des bis dahin bewohnten Stückes Erde so fremd und unbekannt, wie ein anderes Leben.
Detaillierte Informationen zu Weg und Ziel waren nur schwer zu erlangen. Kenntnisse über Entfernungen, klimatische Bedingungen, fremde Völker wurden entweder mündlich oder durch Pilgerführer (z.B. das 5. Buch des "Liber Sancti Jacobi" oder der 1. Deutsche Pilgerführer von Hermann Künig von Vach "Die Straß und meylen czu Sant Jacob") weitergereicht. Die empfohlenen Kriterien für geeignete Kleidung und Gepäck entwickelten sich nach und nach zu einem Typus, der unverwechselbar wurde: der Pilger war an seinem weiten, ärmellosen Mantel zu erkennen, der ihn vor Regen und Kälte schützte, gleichzeitig des Nachts als Decke diente. Der Hut hatte mit seiner breiten Krempe ebenso schützende Funktion, wie auch kennzeichnende, da daran die Pilgerzeichen befestigt waren. Der Stab mit zwei Knäufen sollte Halt bieten und bei der Abwehr angreifender Tiere helfen. Manchmal hing daran eine Kalebasse, die das lebensnotwendige Wasser enthielt. Die lederne Tasche des Pilgers sollte klein sein, was nicht nur praktischen, sondern auch symbolischen Zweck erfüllte: so war es möglich, nur das Nötigste mitzunehmen.
Die Tasche und der Stab wurden vor dem Aufbruch in einer eigens dafür formulierten Messe gesegnet. Dieses Ritual spielte eine entscheidende Rolle, denn damit wurde der Abschied bewusst begangen, gleichbedeutend mit einer Totenmesse. Niemand wusste, ob der Pilger je wieder zurückkehren würde. Er hatte ein letztes Mal in seinem Ort gebeichtet und die Kommunion empfangen, sodann erbat er den Segen der Kirche. Mit Psalmen (Ps.15, Ps.25, Ps.90, Ps.123) und Texten (Gen. 28, Mt.10, Mk. 6) wurde die Reise in ein biblisches Licht gestellt. Gebete spannten sich zwischen Kyrie (dem Flehen um Schutz) und Halleluja (dem Jubel um Verheißung) und leiteten schließlich über zum Segen der Tasche und des Pilgerstabes.
An jenen symbolträchtigen Gegenständen konnte sich der Pilger festhalten, als herüberkommende Segensstücke in der Fremde.

Der Weg

Die via peregrinalis, welche nun beschritten wurde, galt als geistliches Sinnbild eines christlichen Lebens. Das Gehen auf dem Pilgerweg wurde stets symbolisch gedeutet, als ein Gehen zum verehrungswürdigen Körper eines Heiligen, ein Streben zum himmlischen Jerusalem und ein Zugehen auf Gott. Somit wurde die Zeit des Unterwegsseins durch die innere Haltung und Tugenden des Pilgers geheiligt:
"Entlang der Wegstrecke soll er den Armen, die er trifft, alles Nötige für ihr körperliches und seelisches Heil geben; er soll unnötige Worte und belanglose Unterhaltungen vermeiden und seine Gedanken nur auf das Leben der Heiligen richten, hauptsächlich derjenigen, deren Stätten er auf dem Weg besucht. Vor allem soll er Trunkenheit, Zänkerei und alle Art von unzüchtigen Ausschweifungen unterlassen."
(Diaz y Diaz in: v. Saucken, 1999, S.54)
Mit dem gesonderten, ganz bewussten Handeln entstand eine geistliche Wirklichkeit, die stärkte, um allen Widernissen standzuhalten. Diese konnten vielfältig sein, sich in seelischen Versuchungen, wie auch in körperlichen Anstrengungen äußern. Zu ersten zählten neben verführerischen Mägden auch Erscheinungen, in denen sich der Teufel in Gestalt des Heiligen zeigte. Aus dessen Mund wurden dem Pilger die Größe seiner Sünden vorgehalten, welche nicht zu überwinden sei. Der einzige Ausweg wäre Selbstmord, womit sich schließlich der Pilger tatsächlich dem Teufel ausgeliefert hätte.
Die körperlichen Bedrängnisse entstanden durch unzureichendes Schuhwerk, durch Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Müdigkeit, Krankheit, durch wilde Tiere und Menschen. Doch galt dies alles als schmaler Pfad, der letztendlich mit dem Himmelreich belohnt werden sollte.
Um ein solches Empfinden zu verstärken, erlegten sich manche Pilger zusätzliche Qualen auf. Sie kleideten sie sich in kratzende Wolle, luden sich schwere Ketten auf, liefen barfuss oder mit Erbsen in den Schuhen. Andere verschärften ihre Askese durch Fasten und Vernachlässigung ihres Körpers. An machen Orten wurde ein solcher Leidensdrang auch wirtschaftlich genutzt, indem den Pilgern ein Kalkstein über mehrere Tagesstrecken mitgegeben wurde. Dieser diente dann dem Bau der Basilika des Heiligen Jakobus.
In jedem Fall wurde die Reise zum körperlichen Nachvollzug des Evangeliums und galt nicht ohne Grund als "Imitatio Christi". Indem der Pilger Gottes Schicksal auf Erden auf sich nahm, bekannte er dessen Größe und erhoffte, "...Gott möge ihm hundertfach mehr wiedergeben und ihm mit der ewigen Seligkeit vergelten."
(Ohler zit n. Wyhands, 2000, S. 88)
Das Pilgern warf den Menschen auf sich selbst zurück. Nicht die allabendliche Wiederkehr in den heimatlichen Hof, sondern eine endlos scheinende Straße lag vor ihm, deren Schrecken und Freuden nicht abzusehen waren. Dem Unberechenbaren gegenüber sollte die Pilgerfahrt zu einem einzigen Bitt- und Dankgebet werden. Das verwirklichte sich in vielstrophigen Wallfahrtsliedern, im Beten des Rosenkranzes, in innerer Meditation über das Vaterunser oder durch das Herzensgebet.

Die Weggemeinschaft

Gleichzeitig war der Pilger des Mittelalters nie ganz allein. Schon sein Status ließ ihn zum Teil einer übernationalen societas (Gesellschaft) werden, die sich über Herkunft, sozialen Rang oder kulturellen Hintergrund erhob. "Diese Gesellschaft hat keine schriftlich niedergelegten Regeln, sondern Affinitäten, Zeichen zur Identifizierung, gemeinsame Interessen und Bedürfnisse. Es handelt sich um eine neue komplexere Zivilisation, in der sich die Pilger erkennen." (v. Saucken, 1996, S. 107) Innerhalb einer hierarchischen Gesellschaft mutete die Pilgerreise fast wie ein demokratisierendes Element an. Die Traditionen der gemeinsamen Verhaltensweisen wurden dabei aus Gewohnheiten geboren.
Solch ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein konnte allerdings nur zustande kommen, weil sich die Pilger ganz selbstverständlich zu Gruppen zusammenschlossen. Genügend Gründe sprachen dafür: Zum einen konnte damit die Wehrhaftigkeit erhöht werden, ebenso die gegenseitige Hilfe und nicht zuletzt die Kurzweil, welche im eintönigen Tagesablauf von Nöten schien. Die gemeinsam durchstandenen Gefahren und ertragenen Nöte ließen die Gruppe zu einer existentiellen Gemeinschaft werden.
Im Teilen der Habe und samaritanischer Fürsorge bildete sich das Modell der Urkirche ab, welches dem Bedürfnis der Wiederherstellung des Lebens in Gemeinschaft entsprach. Darin schimmerte ein himmlischer Abglanz auf Büßer und Fromme zugleich.
Wieder versinnbildlichte die Pilgerfahrt das Leben der Menschen, die als "Brüder in Christo" einander geschenkt waren und letztlich vor Gott gleichviel galten.
Jene Verbindung untereinander, die oft ungewohnte Tiefe erreichte, war nach außen dahingehend wirksam, dass sie einen Austausch von Kenntnissen, Frömmigkeitsstilen, Ideen und Informationen jedweder Art ermöglichte. So wurde der Pilger zum "Kulturschaffenden", der das Abendland mit seinem Geist und seinem Wissen befruchtete.

Die Herberge

Die Allgemeingültigkeit des Pilgertypus in seiner religiösen Ausrichtung schützte und beförderte den pilgernden Menschen. So galt das Pilgern als Arbeit und der Pilger als Arbeiter in voller Berechtigung. Er konnte das Gastrecht in Anspruch nehmen, das ihm an unterschiedlichen Stätten der Beherbergung unentgeltlich entgegen gebracht wurde.
Grund für spontane oder institutionelle Gastlichkeit lag im Gebot der Nächstenliebe, welche in jedem Fremden Christus erkannte. Dem einfachen Volk wurde dieser Zusammenhang in beispielhaften Erzählungen, Predigten, sogar königlichen Erlassen nahegebracht.
Zur Ausübung der Barmherzigkeit sahen sich vor allem Gemeindeleiter, Witwen und Diakone angesprochen. Schließlich brachte es das christliche Mönchtum für sich in eine festgeschriebene Regel. Im Kapitel 53 der Regel des Benedikt von Nursia heißt es: " Alle Gäste, die zum Kloster kommen, werden wie Christus aufgenommen; denn er wird einst sprechen: >Ich war fremd, und ihr habt mich nicht beherbergt.< Allen erweise man die gebührende Ehre, besonders den Glaubensgenossen und den Pilgern." (Ohler zit.n. Regel des Benedikt, 2000, S. 147) Die "gebührende Ehre" sollte sich im Empfang mit dem Friedensgruß, dem gemeinsamen Gebet, der Bereitstellung von Speise, Trank und Schlafplatz erweisen. Diese Norm stand natürlich in Spannung mit den Bedingungen des jeweiligen Klosters. Es mussten Kompromisse und somit Kommentare zur Regel geschaffen werden. Neben den rein wirtschaftlichen Möglichkeiten galt es auch die ideelen Werte des Klosterlebens zu berücksichtigen, welche vor allem Kontemplation vorsahen. Dennoch haben Klöster in ihrem je eigenen Maß entscheidend zur Mitmenschlichkeit und christlichen Festigkeit des Pilgerwesens beigetragen.
Als Orte der Stärkung und Rettung wurden ebenso Hospize und Spitäler gepriesen, welche oft dort eingerichtet wurden, "... wo sie Not wenden können. Häuser Gottes sind es, heilige Stätten, an denen der fromme Pilger sich erholen kann. Hier finden die Bedürftigen Ruhe und Pflege, die Kranken Trost, die Toten das Heil, die Lebenden Hilfe." (Ohler, 2000, S.160) In Gebirgen, an Flüssen, in Städten galten sie dem Pilger als Zuflucht, auch wenn sie schlicht ausgestattet waren mit oft nur zwei bis vier Betten für etwa zwölf Personen. Gegründet werden konnte ein Spital von einem dankbaren Stifter oder mildtätigen Herrscher. Gertragen und erhalten wurden sie später meist von Bruderschaften oder Orden.
Für die gewährte Hilfe erhielten die Helfenden Anteil an der Gnade, welcher der Pilger erlangte. Dieses Stellvertretungsdenken war unter dem einfachen Volk weit verbreitet:
wer einem Pilger in jeglicher Weise gedient hatte, konnte mit dessen Fürbitte in Gegenwart des Heiligen rechnen, von dem man sich Segensfülle erhoffte.

Das Ziel

Wer nach drei oder fünf Monaten zu Fuß den Ort der Erfüllung erreichte, blieb niemals unberührt. In vielen Pilgerberichten gestalten sich die Beschreibungen schwärmerisch, ja tief emotional. So die Worte von Nicola Albani: "Plötzlich entdeckte ich die Glockentürme und warf mich auf die Knie. Tausendmal küsste ich den Boden, zog mir die Schuhe aus und ging eilig zur Heiligen Stadt hinunter, wobei ich die heilige Litanei sang. (...) Die Beine und mein ganzer Körper zitterten, der Kopf drehte sich hierhin und dorthin, die Augen schauten nach links und nach rechts, um die geheimnisvolle Kapelle des glorreichen Heiligen zu finden. Als ich sie sah, ging ich in die Knie, berührte mit dem Gesicht den anbetungswürdigen Boden und dankte dem Heiligen in höchstem Maße." (v. Saucken zit.n. Albani, 1999, S.114)
Die Pilgerreise, welche von vornherein auf das Ziel ausgerichtet war, fand mit dem Berühren des Heiligen seine Vollendung. Der Körper des Heiligen bildete den Brennpunkt himmlischer Gnadenfülle und konzentrierter Heilsgewissheit. Die Pilger näherten sich ihm entweder andachtsvoll in Prozessionen oder ehrfurchtsvoll im mehrfachen Beugen der Knie. Mit lauten Gebeten brachten sie sodann ihre Votivgaben dar. Diese spiegelten das wechselseitige Verhältnis zwischen Pilger und dem Heiligen wieder. Der Hl. Jakobus hatte die Attribute der Pilger an sich und identifizierte sich durch Pilgerstab, Muschel, Kalebasse mit seinen Anhängern. Diese dankten, priesen und baten ihn wiederum mit vielfältigen Gaben. Deren symbolischer Gehalt bezog sich auf den individuellen Schuldenerlass (z.B. Eisenketten) oder auf eine Heilung (z.B. Holzkrücken) und verdeutlichten so die Bindung zum Heiligen selbst.
In der Kathedrale von Santiago de Compostela war es nun möglich, auf eine Leiter hinter den Altar zu steigen und den Korpus des Hl. Jakobus zu umarmen, der auf dem Altar thronte. Damit war gleichzeitig der Höhepunkt erreicht, und an dieser Stelle intensivsten Erlebens geschahen zum Teil körperliche Heilungen. Diese wurden sogleich laut verkündet und mit Jubel untermalt, um die Ehre des Heiligen zu mehren.
Die Pilgermesse lud ein zu Beichte und Eucharistiefeier, um Gottes Gnade für die Gläubigen präsent werden zu lassen. An hohen Feiertagen wurde ein gewaltiger Weihrauchkessel durch mehrere Mönche in Bewegung gesetzt. Der Duft senkte sich wie ein Segen auf die Menge übelriechender Pilger und umfing sie mit dem Vorgefühl des Himmels. In übertragener Weise hatte man in der Begegnung mit dem Heiligen das himmlische Jerusalem erreicht. Diese Begegnung war real und mit allen Sinnen erlebbar. Aus der Intensität solch einer Erfahrung erwuchs Glaubenskraft und -gewissheit, welche die Pilger mit nach Hause trugen.

Zusammenfassend lässt sich die Pilgerfahrt folgendermaßen umreißen:
Der Aufenthalt in der Fremde (peregrinatio) ist einem religiösen Konzept unterworfen. Dabei wird bereits mit dem AUFBRUCH die Zeit des Unterwegsseins geheiligt und der Pilger durch Insignien gekennzeichnet. Der WEG erweist sich in einem Wechsel von geistlicher Erfüllung und nicht enden wollenden Beschwernissen als Entsprechung zur Lebenswirklichkeit. Die WEGGEMEINSCHAFT festigt das religiöse Bewusstsein und die gemeinsame Identität. Die HERBERGEN verschaffen dem Pilger Heimat in der Fremde als eine Abfolge von schützenden, helfenden, stärkenden Stätten. Im ZIEL erfüllt sich schließlich die Reise durch das Bewusstsein, einen Berührungspunkt mit dem Göttlichen gefunden zu haben, von welchem schuldbeladene Vergangenheit, Krankheit und bange Zukunft in Hoffnung verwandelt werden.


Ohler, Norbert: „Pilgerstab und Jakobsmuschel – Wallfahren in Mittelalter und Neuzeit“. Düssseldorf und Zürich: Artemis und Winkler 2000

v. Saucken, Paolo Caucci: „Santiago de Compostela – Pilgerwege“. Augsburg:
Bechtermünz Verlag 1996

v. Saucken, Paolo Caucci: „Pilgerziele der Christenheit: Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela“. Stuttgart: Belser Verlag 1999Der Aufenthalt in der Fremde (peregrinatio) ist einem religiösen Konzept unterworfen. Dabei wird bereits mit dem AUFBRUCH die Zeit des Unterwegsseins geheiligt und der Pilger durch Insignien gekennzeichnet. Der WEG erweist sich in einem Wechsel von geistlicher Erfüllung und nicht enden wollenden Beschwernissen als Entsprechung zur Lebenswirklichkeit. Die WEGGEMEINSCHAFT festigt das religiöse Bewusstsein und die gemeinsame Identität. Die HERBERGEN verschaffen dem Pilger Heimat in der Fremde als eine Abfolge von schützenden, helfenden, stärkenden Stätten. Im ZIEL erfüllt sich schließlich die Reise durch das Bewusstsein, einen Berührungspunkt mit dem Göttlichen gefunden zu haben, von welchem schuldbeladene Vergangenheit, Krankheit und bange Zukunft in Hoffnung verwandelt werden.
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Pilger auf ihrem Weg
Stich nach Breughel
aus dem 18. Jahrhundert
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